„Wenn ich morgens im Bett liege und mich müde und gestresst vom Alltag fühle, denke ich an die Athlet:innen, mit denen ich arbeite. An den Kletterer mit Querschnittslähmung, der aus dem Rollstuhl heraus seine ersten Züge setzt. An die blinde Kletterin Nadia, die gemeinsam mit ihrer Kletterpartnerin Sonia neue Höhen erklimmt. Ihre Entschlossenheit erinnert mich daran, wie viel möglich ist, wenn man nur anfängt – und es versucht.“
Luca Montanari, ORTOVOX Ambassador
Mauern sind groß, stark, vermeintlich unüberwindbar. Sie trennen uns von der Welt dahinter, von dem Unmöglichen, von dem, was wir uns sehnlichst wünschen und doch schier unerreichbar scheint. Sie können nicht umgangen werden, nicht durchdrungen. Sie können aber erkämpft werden – durch Mut, Selbstvertrauen und Über-sich-Hinauswachsen. Indem wir uns mit ihnen duellieren, nicht aufgeben, an ihnen wachsen und sie nach Frust und Scheitern endlich überwinden. Und damit uns selbst.
Menschen dabei zu helfen, ihre ganz persönlichen Mauern zu überwinden – das ist das Lebensziel von Luca Montanari, Bergführer und Mentaltrainer unter anderem der italienischen Paraclimbing Nationalmannschaft. Als Bergführer hilft er nicht nur auf der körperlichen Ebene dabei, dass seine Sportler:innen ihre Ziele erreichen. Als ausgebildeter Mentaltrainer arbeitet er vor allem mit den Personen dahinter. Mit den Menschen, nicht nur mit den Athlet:innen, den Profis, den Leistungssportler:innen. Und seit 2019 insbesondere mit den Kletter:innen des italienischen Paraclimbing Nationalteams.
Luca, ein tiefsinniger 44-jähriger Italiener mit ruhiger Ausstrahlung, erzählt von seinem Leben. Davon, wie er die Leidenschaft für die Berge und für das Klettern entdeckte. Durch seinen Papa nämlich. Den Papa, der ihn als kleinen Jungen zum Skifahren mitnahm und auf lange Streifzüge durch die Wälder. Der Papa, den er zu früh verlor.
Auch vom Zufall erzählt er, der ihn zu dieser Zeit in die Kletterhalle führt. Sein Schmerz und seine Angst tragen ihn damals an die Wand. Ein unsicheres Kind, gerade Halbwaise geworden. Was er findet, ist etwas, das ihn wachsen lässt. Mit jedem Griff und jeder Route an der Wand wird er selbstsicherer. Und gewinnt an Höhe, wächst über sich hinaus. Aus Angst wird Selbstvertrauen. Die Wand wird kleiner, Luca größer.
Von da an gibt es für Luca nur noch einen Weg – den Weg in die Berge, seinen „wahren Lehrern“. Mit 14 Jahren klettert er in Begleitung eines Bergführers erstmals eine Tour in den Dolomiten – und ist fasziniert. Nicht nur von der Kletterei selbst, sondern vielmehr von dem Bergführer. Jemand, der so selbstsicher die vertikalen Wände hochklettert und ihm von Gipfeln und Abenteuern erzählt. Das inspiriert Luca – und lässt in ihm den Wunsch reifen, eines Tages selbst Bergführer zu werden.

Er sammelt weitere Bergerfahrungen – auf Ski, an der Wand, im Eis –, tritt der Bergrettung bei und fühlt sich mit Anfang 20 schließlich bereit für die Aufnahmeprüfung zur Bergführerausbildung. Doch kurz vor der Prüfung stürzt er beim Klettern ab. Er bricht sich den Fuß. Und auch an seinem Selbstvertrauen zerbricht etwas. Der Weg zurück an die Wand ist mühsam. Der Körper heilt schnell, aber in ihm hat sich eine neue Mauer aufgetan. Eine vergessen geglaubte. Eine aus Angst, Selbstzweifeln und Unsicherheit. Wenn dich dein Körper nach oben trägt, aber dein Geist nach unten – dann ist der Ausgang unausweichlich. Luca wird klar, dass es mehr als nur körperliches Training braucht, um diese Mauer zu überwinden.
Er beginnt, sich mit sich selbst zu beschäftigen, seinem Inneren und seinen Ängsten. Ohne konkrete Hilfe versucht er, Stück für Stück die Ressourcen in sich selbst zu finden, um das verlorene Vertrauen und den Mut wieder aufzubauen. Und es gelingt ihm. Er besteht schließlich die Auswahlprüfung und beginnt seine Ausbildung, die ihn 2008 zum Bergführer macht.
Diese Erfahrung ist prägend. Sie zeigt Luca, dass es vor allem darauf ankommt, sich selbst zu verstehen, auf den eigenen Körper zu hören, ihm zu vertrauen und sich über das ganz persönliche „Warum“ klarzuwerden. Denn der Kampf mit der Wand ist in Wirklichkeit der Kampf mit uns selbst. Mit unseren Ängsten und Zweifeln. Wenn wir es schaffen, ihnen zu begegnen, schaffen wir es, über uns hinauszuwachsen.
Auch andere Erfahrungen bestärken Luca in dieser Erkenntnis. Am deutlichsten erlebt er es auf seinen Expeditionen: „Der Körper ist nach der Akklimatisierung erschöpft. Er ist eigentlich am Ende. Etwas anderes muss dann das Unmögliche möglich machen.“

Angetrieben von diesen Erlebnissen beschäftigt sich Luca immer intensiver mit mentalen Prozessen und ihrem Zusammenspiel mit menschlicher Leistungsfähigkeit. Er liest Bücher, absolviert Kurse und lässt sich zum Mentaltrainer ausbilden. Und er gibt seine Erfahrung und sein Wissen weiter – an Athlet:innen, aber auch an Führungskräfte und Unternehmer:innen.
Seit 2019 arbeitet Luca als Mentaltrainer für die italienische Paraclimbing Nationalmannschaft. „Eine Herausforderung in der Herausforderung“, wie er es beschreibt. Das Training ist gezielt auf die individuellen Bedürfnisse der Athlet:innen abgestimmt. Es umfasst neben neurokognitiven Übungen vor allem den wichtigsten Aspekt seiner Arbeit: Zeit. Zeit zum Zuhören, Sprechen, für gemeinsame Achtsamkeitssitzungen. Denn, wie Luca betont: „Wenn wir die Leistung eines Athleten oder einer Athletin verbessern wollen, müssen wir zuerst den Menschen stärken.“
Die Zusammenarbeit mit den Athlet:innen der Paraclimbing Nationalmannschaft ist für Luca immer wieder tief inspirierend. Was im Klettersport bereits herausfordernd ist, bringt für manche von ihnen zusätzliche individuelle Herausforderungen mit sich. Die Mauer kann manchmal noch höher erscheinen. Aber die Überwindung der Mauer bedeutet für Luca nicht unbedingt, oben anzukommen – sondern die innere Haltung: Freude am Klettern und echtes Selbstvertrauen zu spüren. Wenn seine Athlet:innen das erfahren, weiß Luca, dass er seine Arbeit gut gemacht hat. Das ist für ihn der eigentliche Erfolg.
Auf die Frage, was ihn antreibt, was ihn dazu bringt, sich immer weiterzubilden und mit Mitte 40 ein Universitätsstudium für Sportneurowissenschaften und menschliche Leistungsfähigkeit aufzunehmen, während er gleichzeitig als Bergführer und Mentaltrainer arbeitet, lächelt Luca wissend. Und erzählt eine Geschichte. Die Geschichte, wie er seinen Freund und Bergsteiger Andrea Lanfri, der infolge mehrerer Amputationen mit Prothesen lebt, erfolgreich auf den Mount Everest begleitete. Sein Umfeld sagte ihm immer wieder, dass es zu gefährlich sei, er es nicht schaffen würde, er sich und Andrea in Gefahr brächte. Aber Luca wollte es unbedingt. Er wollte seinem Freund helfen, seine Ziele zu erreichen und über sich hinauszuwachsen.
Menschen dabei zu helfen, über sich hinauszuwachsen und ihre Ziele zu erreichen – das ist es, was Luca antreibt. Das ist Lucas’ „Warum“. Und der Grund dafür, weshalb er nicht stehen bleibt. Auch wenn es manchmal schwerfällt.
Wir alle begegnen täglich unseren eigenen Mauern – ob es eine Präsentation ist, ein Wettkampf, die nächste 7a. Alles, was uns Angst machen kann. Wir können in der Angst verharren, uns von der schieren Übermacht der Mauer abschrecken lassen. Oder wir können an unserer Einstellung arbeiten, der Angst ins Auge sehen, sie angehen. Wie beim Klettern, einen Zug nach dem anderen machen. Mit Fokus und Achtsamkeit im Hier und Jetzt. Ohne Zweifel und Hadern, einfach machen und uns von Selbstvertrauen in die Höhe tragen lassen.
Dann wachsen wir, an uns, über uns hinaus. Und die Mauern schrumpfen und werden kleiner. Bis wir sie irgendwann, dann, überwunden haben.















